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 Lobpreiskonzert
mit Lothar Kosse

 25. September 2010
 Marktkirche Hamburg-
Poppenbüttel
 

Die Gaben des Heiligen
 Geistes

 GGE-Impulstag
23. Oktober
 "Lehre und Prophetie"
Immanuel-Gemeinschaft
Jerusalem-Kirche
 

 
 

Der Balken tut weh!

Was ist bloß mit dem Personal in den Kirchen los! Die Meldungen über Fälle von sexuellem Missbrauch und Gewalt an Kindern häufen sich – und leider nicht nur in der katholischen Kirche. Und dann steht plötzlich die Nachricht einer Alkoholfahrt der inzwischen zurückgetretenen EKD-Ratspräsidentin auf den Titelseiten der Boulevardpresse. Medial wird genüsslich über diese Dinge berichtet, dass die Kirchen zwar „Wasser predigen würden“ aber selbst „Wein tränken“, dass sie hohe moralische Ansprüche vertreten würden, sich aber selbst nicht daran hielten.
Nun muss man die Dinge sicher auseinanderhalten: Der Missbrauch an Kindern, der einen Menschen zeitlebens traumatisiert, und das Missachten einer roten Ampel – wenn auch in einem nicht nüchternen Zustand.

Bei mir stellen sich unterschiedliche Reaktionen auf solche Meldungen ein. Über den Missbrauchsskandal empfinde ich Wut. Wie kann es sein, dass Autoritätspersonen, die oft den Respekt ihrer Anvertrauten genießen, „gleich nach dem lieben Gott zu kommen“, sich so an ihnen vergehen? Es ist erschreckend, was auch unter Christen passiert ist und passiert! Wer Missbrauch selbst erlebt hat oder jemanden kennt, dem dies widerfahren ist, der weiß oder ahnt zumindest, wie groß die Not ist, die sich – manchmal jahrzehntelang vergraben – dahinter verbirgt. Wut aber auch darüber, dass der Christenheit insgesamt schwerer Schaden zugefügt wird, weil die Glaubwürdigkeit der Christen pauschal in Frage gestellt wird. Das, was wir mit Politikverdrossenheit bezeichnen, könnte sich ähnlich zu einer Verdrossenheit von Christlichem und Christen, von Kirchlichem und Kirchen entwickeln.

Meine spontane Reaktion über die Autofahrt unter Alkoholeinfluss der obersten evangelischen Repräsentantin war, wenn ich ehrlich wäre, nicht Wut, sondern Häme – zumindest ein wenig. Also Schadenfreude. Endlich hat es einmal jemanden erwischt, der sonst gern anderen die Leviten liest. Aber darf ich ehrlich sein, hier so öffentlich? Es ist wohl besser, ich behalte meine Gefühle für mich und höre zunächst auf das, was Jesus dazu zu sagen hat.

Mir fällt das Gleichniswort Jesu ein: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und siehst nicht den Balken in deinem eigenen Auge“ (Matthäus 7,3-5). Jesus benennt, was wir alle gut kennen, dass uns die Fehler der anderen sofort ins Auge springen. Das ist eigentlich logisch, weil man ja nicht sich selbst, sondern immer nur die anderen vor Augen hat. Oft sind es die kleinen Dinge, die Splitter, die wir sofort wahrnehmen, manchmal mit akribischer Genauigkeit: die kleinen Lügen, die erfundenen Ausreden, das Durchgemauschele. Aber es sind eben oft nur Splitter, Kleinigkeiten, die uns auffallen. In den aufgedeckten Skandalen geht es aber um „Balken“! Schwerwiegende Dinge, Straftaten, über die man nicht eben mal hinwegsehen kann. Hat das Wort Jesu auch hier seine Bedeutung? Vielleicht kann man es einmal umdrehen: „Wenn du den Balken bei andern siehst, dann schau doch mal nach, wo bei dir der Splitter sitzt,“ also, ob es Anteile in deinem Leben gibt, die das gleiche Thema betreffen, nur nicht so krass. Und wenn ich dann das Verkehrsverhalten jener – nun ehemaligen – Bischöfin anschaue, dann fällt mir ein, dass das Missachten einer roten Ampel bei mir noch nicht so lange her ist. Und über sexuelle Phantasien will ich mich hier nicht auslassen, jeder kennt seine geheimen Wünsche auf diesem Gebiet selbst.

Jesu Beispielwort vom Splitter und Balken ist also so etwas wie ein Beichtspiegel. Wenn ich Fehler – große oder kleine – bei anderen bemerke, mich darüber empöre oder schadenfroh bin, fragen sie nach meinem Verhalten – und zwar immer mit der Möglichkeit, umzukehren und es anders zu machen. Oder – um es ganz einfach zu sagen, wie man es im Kindergottesdienst beigebracht bekommt: wenn du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen drei Finger deiner Hand auf dich selbst.

Ich wünsche für mich dabei diese Haltung: da sitzen die Jünger gemeinsam mit Jesus beim letzten Abendmahl zusammen. Jesus erzählt ihnen, dass ihn jemand aus den eigenen Reihen verraten wird. Im Markus-Evangelium (Kapitel 14,19) wird nun nicht vom gegenseitigen „Scheel-in-den-Augenschein-Nehmen“ berichtet und kritischem Beäugen der anderen Jünger, sondern von der erschrockenen Reflektion jedes einzelnen: „Bin ich es, Herr?“

Während ich über diese Dinge nachdachte, geschah nun Folgendes: Ein Bekannter rief an und erzählte, dass ihm ein Besenstiel, der an der Wand lehnte, umfiel und ihn ins Auge traf, als er sich bücken wollte. Gott sei Dank, war alles ohne gro­ßen Schaden abgegangen, aber es hätte, wie man so schön sagt, „voll ins Auge gehen können!“ Wir haben dann darüber gesprochen, was eigentlich mehr weh tut, ein Splitter im Auge oder so ein „Balken“. „Der Splitter nervt ständig, den will man weghaben“, war seine Antwort, „der Stiel verursachte einen kurzen, dumpfen Schmerz, ich konnte eine kurze Zeit nur unscharf sehen, aber das war es dann auch.“ Balken aufs Auge zu bekommen, tut weh, aber Splitter nerven.

Christoph Mohr